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DENKGESCHRIEBEN

Alle Rechte an den Texten liegen beim Autor Ulrich Papke.

KAPUTT

 

 

‚Genug Wunder vollbracht für heute‘, dachte sich Alice.

Sie hatte unzähligen Griesgräminnen und Griesgramen ein Lächeln in deren hässliche Visagen gezaubert.

Nun breitete sie ihre farbenfroh schillernden Flügel aus und streute ausnahmsweise noch etwas zusätzlichen Glitzerstaub darüber. Sie freute sich auf einen entspannten Feierabend. Nun ja, um ehrlich zu sein, wollte sie sich in der nächstbesten Bar einfach besaufen. Manchmal musste das sein, um die kaputte Welt für ein paar weitere Tage ertragen zu können.

 

Fee(l)bar verkündete die Leuchtreklame in einem Fenster nur zwei Blocks entfernt.

‚Das klingt doch wie für mich gemacht‘, betrat Alice freudig aufgeschlossen die Gaststätte.

 

„Ich hätte gern eine Gini-Tonic“, bestellte sie den ersten Drink,

nachdem sie auf einem der hohen Barhocker Platz genommen hatte.

„Möchten Sie männliches oder weibliches Tonic?“, fragte der Barkeeper gelangweilt und rückte seine Hornbrille zurecht.

„Männliches, bitte, und eine Scheibin geschlechtslose Limette, aber nicht so viele Eiswürfelinnen!“

„Geht klar“, schickte sich der Vollbärtige hinterm Tresen an, den Longdrink zuzubereiten.

‚Feeinnen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren‘, dachte er still in sich hinein.

 

‚Ich brauche Ablenkung!‘, stellte er entschlossen fest.

Sein Tagwerk hatte ihn gar arg aufgerieben. Immerhin hatte er zahlreiche Menschenolme von betrügerischen Absichten abgehalten. Zwei, drei Dumpfbacken hatte er dazu gebracht, ihre Zigarettenkippen in den nächsten Abfallbehälter zu werfen, statt sie in den Sand des Spielplatzes zu drücken. Die blöde Fresse eines Hundebesitzers hatte er dezent beherzt in die Exkremente dessen Haustieres gedrückt, weil der sich weigerte, Bellos stinkenden Kackehaufen vorschriftsmäßig zu entsorgen. Mehrere Flachwichser hatte er dazu gebracht, ihre Vorstellung von Höflichkeit zu überdenken.

Und dann waren da noch einige Dutzend, nur halb verlorene Seelen gewesen, die er mit kräftigen Arschtritten in Richtung Empathie geschubst hatte.

Er verbarg also seine Flügel unter dem dunkelgrauen Sakko, das ihn so gut kleidete, und machte sich auf zu seinem Stammlokal.

 

Im Fee(l)bar setzte er sich, einen Hocker frei lassend, neben dieses bezaubernde Wesen am Tresen.

„Du hast wunderschöne Flügel!“, konnte er sich nicht zurückhalten.

„Ich weiß“, war sich Alice, an ihrer vierten Gini-Tonic nippend, ihrer Schönheit durchaus bewusst.

Es war nicht nur der blauviolett, goldgelbgrüne Farbverlauf der für ihre Körpergröße leicht überdimensioniert wirkenden prächtigen Flügel, der sie unwiderstehlich attraktiv machte. Es waren auch ihre großen blauen Augen in dem schmalen Gesichtchen mit der leicht stupsigen süßen Nase und den vollen roten Lippen.

Auch ihre schlanken Beine waren ein echter Hingucker.

Anders als leider inzwischen die Mehrheit ihrer Artgenossinnen nahm Alice ihre Berufung an und ernst. Täglich aufs Neue versuchte sie, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Statt ihre Zeit damit zu verbringen, Videos von sich zu posten,

in denen sie, spärlich bekleidet, nicht nur ihre Flügel spreizte ...

 

„Ich nehme, was die Kleine hat!“, orderte er beim gelangweilten Bärtigen ein Getränk. Angesichts ihrer ein Meter einundvierzig war dieses Attribut durchaus berechtigt.

„Ich bin Feerich“, stellte er sich endlich höflich förmlich vor.

„Ah, du bist Soldat?“

„Nein. Nicht Fähnrich! Ich heiße Feerich.“

„Bist du eine Fee? Man kann deine Flügel nicht sehen.“

„Ich bin ein Feeer! Wenn ich nicht im Dienst bin, verberge ich sie gern.“

„Schämst du dich für deine Schwingen?“

„Nein. Ich will einfach auch nur mal frei haben und keine falschen Erwartungen wecken.“

„Ich mag dich!“, trank Alice ihre sechste Gini-Tonic.

 

„Darf ich dich nach Hause bringen?“, fragte Feerich weitere Drinks später.

„Ich kenne da ein zauberhaftes Blüten-Motel“, schlug Alice vor.

 

„Wie geht es mit uns weiter?“, fragte Feerich, nachdem sich ihrer beider Flügel mehrfach in- und umeinander

ge- und verschlungen hatten.

Unter gelbwarmen Sonnenstrahlen öffnete sich die Motel-Rose.

„Wie wäre es, wenn wir die Herrschaft über Alles an uns reißen?“, schlug Alice hoffnungsvoll selbstbewusst vor.

„Wir können doch diesen ganzen Schwachsinn, der die Welt zermürbt, nicht einfach so weiterlaufen lassen.“

„Wir könnten für den Anfang ein paar Milliarden Menschen kurzfristig schmerzvoll an ihrer eigenen Dämlichkeit verrecken lassen“, hatte Feerich eine Idee.

Alice dachte nach, während sie sich ihre Flügel in der Sonne wärmte.

„Wir könnten doch auch einfach all die Gesellschaftskrankinnen und -kranken zu Tode lieben!“

 

Natürlich musste das noch ausdiskutiert werden.

Doch schon am nächsten Tag begannen Alice und Feerich damit, eine riesige Armee aus Feeinnen und Feeern zu rekrutieren.

Korrigiert und einfühlsam lektoriert von Carolin Kretzinger.

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