POSTTRAUM(A/TA)
Lektoriert und korrigiert von Monica Prutzer.
Alle Rechte am Text liegen beim Autor Ulrich Papke.
I
Er öffnete die Klappe und griff hinein.
Seine Vermieter hatten den dunkelgrünen Kasten samt Adressaufkleber vor einigen Jahren anlässlich seines Einzugs spendiert.
Zuletzt hatte er vor einer Woche nachgesehen.
Er war leer.
Es war noch nicht allzu lange her, dass er hoffnungsvoll beinahe täglich nachsah, ob er Post bekommen hatte. Doch allmählich war die Hoffnung auf Nachricht von ihr ebenso verblasst wie die Erinnerungen an gemeinsame Zeit.
Dennoch schrieb er Briefe. Versuchte seine Gedanken und Gefühle auf Papier zu bannen. Sie zu erreichen. Auf die altmodische Art.
Unzählige Male hatte er nun schon hier im Supermarkt am Postschalter gestanden.
„Wie immer nach Deutschland?“, fragte das Mädel dahinter. Nora, verriet das Namensschild.
„Ja, bitte“, konnte er wie stets seinen bewundernden Blick nur schwer von Noras Händen mit den feingliedrigen Fingern lösen, die den Umschlag routiniert mit einer Briefmarke versahen.
„Vielen Dank!“, verabschiedete er sich wie immer höflich. Und wie immer erfreute er sich an Noras zauberhaftem Lächeln und ihren schulterlangen schwarzen Haaren, die ihr schmales Gesicht mit der feinen Nase und den vollen Lippen umschmeichelten.
Obwohl er sich inzwischen selbst ziemlich dumm vorkam, wagte er einen letzten Versuch.
Wortlos, mit einem fast schon bedauernden Lächeln, frankierte Nora zwei Wochen später seinen nächsten Brief.
„Vielen Dank!“, verabschiedete er sich wie immer höflich.
„Sie antwortet nicht, oder?“, verblüffte sie ihn. „Anne, Berlin, Deutschland?“
Mit einer kaum wahrnehmbaren Kopfbewegung bestätigte er traurig Noras Annahme.
„Du hast Post. Von mir“, schob sie ihm auf dem Tresen verlegen zaghaft ein Kuvert zu.
‚Wenn sich eine Tür schließt …‘, dachte er. Dankbar sah er in Noras große braune Augen.
II
Seine Hand glitt hinein wie die eines Zweifelnden, der im Dunkel nach Hoffnung sucht.
Sein Vermieter hatte ihn mit dem grünen Kasten willkommen geheißen. Wie ein stummes Relikt hing er seit Jahren an der Bretterwand. Vor einer Woche hatte er zuletzt seinen Briefkasten geöffnet. Doch nur kalte, laute Leere hatte ihn empfangen. Vor nicht einmal einem Monat sah er noch beinahe täglich nach. Doch seine Sehnsucht blieb unerfüllt.
Allmählich schwand die Hoffnung auf Nachricht von ihr. Die Erinnerungen an gemeinsame Stunden zerfielen zu feinem Staub.
Gleichwohl schrieb er weiter Briefe. Er folgte so dem inneren Begehren, sein Verlangen mit Tinte auf geduldiges Papier zu bannen. In der Zuversicht, dass seine Worte sie erreichen würden.
Oft hatte er schon vor dem Posttresen gestanden, wie ein Besucher, der ein Ritual vollzieht. Von der anderen Seite des Schalters grüßte Nora. Das Namensschild verriet ihren Namen.
„Wie immer nach Deutschland?“, fragte sie.
„Ja, bitte“, entgegnete er.
Sein Blick blieb unverkennbar an Noras zarten Händen haften, während sie routiniert eine Briefmarke auf den Umschlag klebte. Er verabschiedete sich höflich, wie es seinem Wesen entsprach, und fand in Noras Lächeln einen seltsamen Trost.
Obgleich ihm sein Verhalten mittlerweile selbst töricht erschien, wagte er einen letzten scheuen Versuch.
Zwei Wochen später frankierte Nora seinen nächsten Brief. Lange dunkle Haare umrahmten ihr schmales Gesicht. Er verabschiedete sich auf die übliche, höfliche Weise.
„Sie antwortet nicht, oder?“, fragte Nora schüchtern anteilnehmend.
Er bejahte mit einer kaum merklichen Kopfbewegung, unsicher und traurig zugleich.
Sichtlich verlegen, schob Nora ihm daraufhin ein Kuvert auf dem Tresen zu.
„Du hast Post“, sagte sie leise.
Er fand in Noras großen braunen Augen Bestätigung. In jener Sekunde flammte ein Gedanke in ihm auf:
‚Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere.‘
III
Die Klappe ward geöffnet, und seine Hand glitt hinein, als suche sie in einer Gruft nach verborgenen Geheimnissen. Der dunkelgrüne Kasten, jenes kühle Metallbehältnis mit dem ausgeblichenen Adressaufkleber, stand seit Jahren wie ein stummer Zeuge seines Einzugs. Einst ein Geschenk der Vermieter, nun ein blasses Zeugnis seines Daseins.
Vor acht Tagen hatte er zuletzt nachgesehen. Doch er fand nur kalte, unversöhnliche Leere, die an die Stille eines Gebets erinnerte.
Noch nicht lange war es her, dass er täglich nachsah. Mit einem Herzen, erfüllt von Erwartung. Doch die Hoffnung war allmählich erloschen, ihre Flamme verzehrt vom Frost vergeblichen Wartens. Die Erinnerungen an gemeinsame Stunden, so zart und flüchtig, verwandelten sich zusehends in Nebel.
Oft schon hatte er am Postschalter gewartet, wie ein Wachslicht vor einem Bildnis.
Hinter dem Tresen arbeitete Nora. Das Namensschild flüsterte ihren Namen. Ein Mädchen von unnahbarer Grazie, mit Fingern, schmal und fein.
„Wie immer nach Deutschland?“, fragte sie mit Gewissheit, die weder Überraschung noch Urteil kennt.
Er bejahte, und sein Blick verweilte auf den zarten Händen, die mit Sorgfalt die Postwertzeichen auf den Umschlag klebten. Wie stets bescherte ihm diese kleine Handlung ein Gefühl von Beständigkeit in einer sonst wankenden Welt.
Obgleich ihm sein Unterfangen als närrisch erschien, schrieb er einen weiteren Brief. Es war der letzte Versuch, jene Ferne zu durchdringen.
Zwei Wochen später frankierte Nora wortlos, mit einem beinahe bedauernden Lächeln, diesen seinen letzten Brief. Er verabschiedete sich wie stets höflich.
„Sie antwortet nicht, oder? Anne, Berlin, Deutschland?“, fragte Nora. Ihre Stimme, leise, wie ein zarter Hauch, trug nicht die Schärfe eines Vorwurfs, vielmehr das Erkennen einer bedrückenden Wahrheit. Er nickte. Ein kaum merkliches Zeichen, in dem sich Unsicherheit und Schmerz vereinten.
Nora, sichtlich verlegen, schob ihm auf dem Tresen ein Kuvert zu. Die Geste war zaghaft, als wolle sie nicht stören.
„Du hast Post“, sprach sie. Ihre Worte fielen in ihn wie Tropfen in einen tiefen, stillen Brunnen.
Er sah in Noras große braune Augen wie durch ein Fenster zu einer verborgenen Welt, die er kaum zu betreten wagte. Halb Hoffnung, halb Schrecken regte sich da in ihm ein Gedanke:
‚Auch wenn sich eine Tür für immer schließt, so flüstert doch mancher Wind von neuen Räumen.‘