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TEUFELSBERG

Kapitel II

Anne war durch den Felsspalt zurückgeklettert und hielt nun Ausschau nach ihrem Vater. Sie konnte ihn nicht entdecken und beschloss, um den Teufelsberg herumzugehen, um ihn zu suchen. Doch konnte sie ihren Papa nicht finden. Jetzt erst inspizierte die Kleine genauer die Umgebung.

Der Laubhaufen, in den sie sich noch vor wenigen Minuten lachend gestürzt hatte, war verschwunden. Keine Menschenseele war zu sehen. Und wo kam plötzlich dieser Spielplatz her?

Traurigkeit beschlich sie, während sie verwundert den Berg hinabstieg.

‚Papa hat mich ganz doll lieb. Er wird mich schon nicht alleinelassen!‘, tröstete sie sich und steuerte neugierig den Spielplatz an. Sie freute sich über das Blatt Papier, das an einer Latte des bunten Zauns befestigt worden war, als sie ein Foto von sich darauf erkannte.

‚Er hat mich nicht vergessen! Sicher kommt er bald‘, vertrieb sich Anne dann vergnügt die Zeit auf einer der Schaukeln.

 

Gabriele Schumann war vor sechs Jahren in Rente gegangen, hatte einen Galgo aus dem Tierheim adoptiert und ging seitdem jeden Tag mit ihrem Hund eine große Runde um den Teufelsberg. Auch wenn der Grund dafür ein sehr trauriger war, genoss sie doch die meist menschenleere Ruhe hier draußen. Sie ließ den lebhaften Rüden von der Leine. Der erkundete sogleich das Unterholz und flitzte dann blitzschnell auf dem Schotterweg in Richtung Spielplatz voraus. Gabriele konnte nicht sehen, wie ihr Windhund vor dem bunten Zaun abrupt stehenblieb. Dessen kräftiges lautes Bellen, mit dem er eher selten auf sich aufmerksam machte, war jedoch deutlich zu hören.

„Ja, was ist denn Fargo? Ruhig, mein Großer. Ich komm ja!“, rief Frau Schumann dem Tier von Weitem zu.

Sie staunte nicht schlecht über das Mädchen, das sich dort mutterseelenallein auf der Schaukel wiegte, als sie schließlich den Kinderspielplatz erreichte.

‚Ach herrje! Oh mein Gott! Das kann doch nicht sein!‘, verglich sie das Antlitz der Kleinen mit dem Foto auf einem der zahlreichen Flugblätter hier. Natürlich hatte Peter in all den Jahren bei keinem seiner leidvollen Ausflüge zum Teufelsberg versäumt, weitere Vermisstenanzeigen an Bäume, Bänke und Zaunlatten zu tackern.

Während ihr Anne lächelnd zuwinkte, kramte Gabriele Schumann aufgeregt das Mobiltelefon mit den extra großen Tasten aus ihrer Handtasche hervor und wählte die auf den Flugblättern angegebene Nummer.

„Polizeidienststelle Niederwaldbach. Wie kann ich Ihnen helfen?“, meldete sich eine tiefe Männerstimme. Gabriele schilderte sogleich ihre Beobachtung.

„Bleiben Sie bei dem Kind, bis die Beamten eintreffen“, bat der Polizist am anderen Ende der Leitung.

Frau Schumann nahm Fargo wieder an die Leine und ging hinüber zur Schaukel.

„Ist alles in Ordnung mit dir? Geht es dir gut? Hast du Durst?“, bot sie Anne eine Flasche Wasser an.

„Darf ich ihn streicheln?“, wollte diese jedoch nur wissen und fiel, ohne auf die Antwort zu warten, dem stattlichen Galgo ganz begeistert um den Hals.

Blitzendes blaues Licht, das sich seinen Weg durch die inzwischen lange Schatten werfenden Baumstämme bahnte, kündigte vom baldigen Eintreffen eines Streifenwagens. Drei Uniformierte stiegen aus dem Auto und steckten über einem Foto die Köpfe zusammen.

„Kein Zweifel. Das ist sie!“, waren sie sich schnell einig.

„Aber wie ist das möglich?“, fragten sie sich auch und starrten ungläubig das seit Langem vermisste Mädchen an. Es sah genauso aus wie auf dem Bild, das gut sechs Jahre zuvor aufgenommen worden war.

Nur wenige Minuten später hielt ein Krankenwagen neben dem der noch immer fassungslos dreinblickenden Polizisten.

 

„Wo ist denn mein Papa?“, war Anne von dem aufregenden Tumult nun doch sehr verunsichert, als man sie schließlich zum Rettungsfahrzeug brachte. Während die beiden Sanitäter versuchten, das Mädchen dazu zu bringen, sich auf die Pritsche zu legen, traf ein weiteres Auto am Ort des Geschehens ein.

 

Der Mann hinter dem Steuer zog es vor, seinen alten, nicht immer zuverlässigen Volvo statt einen der Dienstwagen zu nutzen. Geschweige denn, sich chauffieren zu lassen.

In Ehrfurcht beinahe erstarrt, wandten sich die Uniformierten nun dem Kommissar, der in Zivil gekleidet aus dem Volvo stieg, zu. Das Grau seiner Haare, die aussahen, als wäre er gerade aus dem Bett gestolpert, passte rein gar nicht zu seinem jugendlich anmutenden Gesicht mit den leicht lausbübischen Zügen.

Völlig unbeeindruckt, scheinbar gar emotionslos warf der Kriminalkommissar einen flüchtigen Blick auf Anne.

„Darf ich mal?“, setzte er sich dann wie selbstverständlich auf den Beifahrersitz des Streifenwagens und schaltete das veraltete Funkgerät ein.

„Bestätigt. Wir haben noch so einen Fall. Eschbach Ende.“

 

Alle Rechte am Text liegen beim Autor Ulrich Papke.

Korrigiert und lektoriert von Carolin Kretzinger.

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